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Ortsentwicklung und Wohnungsbau im Streit
Bauturbo in Widdersberg: Warum die FDP vor Bauen „auf der grünen Wiese“ warnt
In Herrsching entzündet sich am sogenannten „Bauturbo“ ein grundsätzlicher Streit darüber, wie die Gemeinde wachsen soll – und wo. Auslöser ist ein Vorhaben im Ortsteil Widdersberg, dem der Bauausschuss mehrheitlich zugestimmt hat. FDP-Gemeinderat Alexander Keim kritisiert die Entscheidung als Signal in den Außenbereich und fordert klare, vorab beschlossene Kriterien, wann die Gemeinde beschleunigte Verfahren überhaupt einsetzen will.
Sechs Wohnungen – und ein politischer Präzedenzfall
Konkret geht es um ein Mehrfamilienhaus mit sechs Wohnungen. Der Bauausschuss stimmte dem Einstieg in das Verfahren mit 6 zu 3 Stimmen zu. Der Beschluss ist an Auflagen geknüpft: Vorgesehen ist ein städtebaulicher Vertrag, der mindestens 30 Prozent der Wohnfläche über 30 Jahre hinweg zu vergünstigten Konditionen an Herrschinger Bürger binden soll. Außerdem soll das Gebäude nicht weiter als 100 Meter von bestehender Bebauung entfernt liegen. Ein angrenzender landwirtschaftlicher Betrieb dürfe in seinen Entwicklungsmöglichkeiten nicht eingeschränkt werden.
Außenbereich oder Innenentwicklung: Keims Gegenmodell
Keim macht nicht nur die Dimension des Projekts zum Thema, sondern den Startpunkt: Aus seiner Sicht sei es politisch heikel, ein Instrument wie § 246e BauGB bereits auf eine „bloße formlose Anfrage“ eines möglichen Investors hin zu öffnen. Genau darin sieht er den Kern seiner Kritik: Wenn die Gemeinde bei einer ersten Anfrage den „Bauturbo“ in Betracht ziehe, könne das eine Blaupause für weitere Vorhaben im Außenbereich werden.
Widdersberg wird in der Debatte als Außenbezirk beschrieben. Keim argumentiert, ein beschleunigtes Verfahren müsse die eng begründete Ausnahme bleiben – nicht der Einstieg in eine neue Praxis. Er stellt zugleich die Begründung „Wohnungsnot“ für Herrsching grundsätzlich infrage. Es gebe, so Keim, weniger ein Mengenproblem als ein Bezahlbarkeitsproblem. Betroffen seien gerade diejenigen, die das öffentliche Leben tragen: junge Familien, Pflegekräfte, Handwerker, Erzieherinnen.
Seine Schlussfolgerung ist eine Prioritätensetzung, die in vielen Kommunen als Leitbild gilt, in Herrsching aber durch das Widdersberg-Vorhaben neu vermessen wird: Innenentwicklung vor Außenentwicklung. Keim fordert, bezahlbaren Wohnraum vorrangig im Ort zu schaffen – im Bestand, über Nachverdichtung, in Baulücken oder durch Aufstockungen. Neubau „auf der Wiese“, zudem abseits der Infrastruktur, hält er für städtebaulich falsch und im Ergebnis teuer: Wer im Außenbereich baut, produziert aus seiner Sicht zusätzliche Wege, mehr Autoverkehr und Folgekosten für die Gemeinde.
Mehrheit setzt auf Wohnraum – mit sozialer Bindung
Die Mehrheit im Bauausschuss ist erkennbar einen anderen Weg gegangen: Sie will zusätzlichen Wohnraum ermöglichen und koppelt den Einstieg in das Verfahren an sozialpolitische Vorgaben (30 Prozent vergünstigt, 30 Jahre Bindung). Das ist mehr als eine technische Auflage: Solche Bindungen sind ein Versuch, in einem hochpreisigen Markt wenigstens einen Teil des Neubaus für Ortsansässige zu sichern – und die Debatte von der Frage „ob“ hin zur Frage „unter welchen Bedingungen“ zu verschieben.
Gleichzeitig zeigt die Diskussion, dass es im Gremium keine geschlossene Linie gibt. Aus der Sitzung wurde auch Kritik von Grünen-Ratsmitgliedern sowie aus der Bürgergemeinschaft (BG) bekannt. Sie monierten insbesondere die grundsätzliche Richtung und verwiesen darauf, dass die politische Debatte im Gemeinderat weitergeführt werden müsse.
Was der „Bauturbo“ kann – und was er nicht verspricht
Der „Bauturbo“ (§ 246e BauGB) ist ein bis 2030 befristetes Instrument, das den Wohnungsbau beschleunigen soll. Nach den FAQ des Bayerischen Staatsministeriums für Wohnen, Bau und Verkehr bleibt die Anwendung an die Zustimmung der Gemeinde gebunden und erfordert weiterhin die Abwägung öffentlicher Belange – etwa Umwelt, Raumordnung und Nachbarschaftsschutz. Das Instrument ist damit kein Freibrief, den Außenbereich pauschal zu bebauen. Gerade diese Grauzone – Erleichterungen ja, aber keine „Vollfreigabe“ – verschärft in Herrsching die Frage, wie eng oder wie weit die Kommune das Instrument auslegen will.
Keim befürchtet, dass aus einer befristeten Ausnahme ein schleichender Strategiewechsel werden könnte. Seine Warnung zielt weniger auf das einzelne Haus als auf die Signalwirkung: Wenn im Außenbereich ein Mehrfamilienhaus realistisch werde, steige der Druck auf weitere Flächen – und damit der Konflikt zwischen Wohnraumschaffung und Flächenschutz.
Herrschings Realität: Bauen läuft bereits – aber zu welchem Preis und an welchem Ort?
Die Auseinandersetzung fällt in eine Phase, in der Herrsching schon eigene Projekte zur Entlastung des Wohnungsmarktes vorantreibt. Die Gemeinde baut nach öffentlich bekannten Angaben 26 bezahlbare Wohnungen in drei Gebäuden, die Fertigstellung ist für Ende 2027 geplant. Das Projektvolumen liegt bei rund 13,2 Millionen Euro; eine Vermietung im Bereich von etwa 13 Euro pro Quadratmeter ist in Aussicht gestellt. Ein Teil der Wohnungen soll insbesondere Menschen in Berufen der Daseinsvorsorge zugutekommen.
Genau hier setzt Keims Argumentation an: Wenn die Kommune bereits mit großem finanziellem Aufwand bezahlbaren Wohnraum schafft, müsse sie besonders sorgfältig begründen, warum zusätzliche, beschleunigte Neubauvorhaben ausgerechnet im Außenbereich angeschoben werden – statt die Innenentwicklung konsequent zu priorisieren und die Instrumente dafür transparent festzulegen.
Der offene Punkt: Kriterien, Transparenz, Leitplanken
In der Sache verdichtet sich der Streit in Herrsching auf drei Fragen: Wann gilt Wohnraumbedarf als so dringlich, dass ein beschleunigtes Verfahren gerechtfertigt ist? Welche Standorte kommen dafür infrage – und wo zieht die Gemeinde eine harte Grenze? Und: Welche sozialen Bindungen oder Ausgleichsmaßnahmen sind notwendig, damit „mehr bauen“ tatsächlich „bezahlbarer wohnen“ bedeutet?
Keim verlangt dafür vorab beschlossene, nachvollziehbare Kriterien. Ohne solche Leitplanken, so seine Stoßrichtung, drohe „Tempo“ zum Ersatz für Abwägung zu werden. Oder, zugespitzt: Der Bauturbo würde dann nicht gezielt helfen, sondern die Ortsentwicklung in eine Richtung drücken, die Herrsching später kaum noch einfangen kann.
Häufig gestellte Fragen
Quellen
- https://herrsching.online/2026/06/08/nicht-nach-gutsherrenart-im-bauausschuss-beschliessen/, 08.06.2026
- https://herrsching.online/2026/05/25/sonst-siehts-aus-wie-kraut-und-rueben/
- https://www.stmb.bayern.de/assets/stmi/buw/baurechtundtechnik/25_bauturbo_faq_.pdf
- https://www.kreisbote.de/lokales/starnberg/bezahlbarer-wohnraum-spatenstich-fuer-26-wohnungen-fuer-herrsching-93742452.html

